17. Dezember 2004
Solider Mantel aus Ziegel definiert neue Stadtkante
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Wo früher in Ostfildern ein Fliegerhorst mit Hubschrauberstaffel und Militärgebäuden seinen Standort hatte, entwickelte sich das neue Stadtviertel „Scharnhauser Park“’. Die ehemaligen Kasernen wurden zu Wohngebäuden umgerüstet und das Quartier verkehrsmäßig erschlossen. Vor allem aber: zwischen den streng ausgerichteten Häuserzeilen und der bogenförmigen Trasse der Stadtbahn prägt eine neue Schule mit Sporthalle das heutige Gelände. Eine in hellen Rot- und Brauntönen changierende massive Backsteinfassade dominiert den Schulkomplex, bewirkt Eleganz, gepaart mit Ursprünglichkeit. Verantwortlich für das gelungene architektonische, mehrfach ausgezeichnete Konzept ist das Architekturbüro Prof. Arno Lederer + Jórunn Ragnarsdóttir + Marc Oei, Stuttgart.
Die mit Investitionen von 22,5 Mio € errichtete Schulanlage aus zwei- und dreigeschossigem Hauptgebäude, Sporthalle und verschiedenen Freiräumen orientiert sich in Grundriss und Ausrichtung am städtebaulichen Muster des neuen Stadtviertels. Die Bogenform der Stadtbahn nimmt die angrenzende Sporthalle nicht nur auf. Sie fügt sich vielmehr wie selbstverständlich in den vorhandenen Bogen ein. Das Schulgebäude unterteilt ein durchgehender, breiter und von oben belichteter Flur. Er erschließt beidseitig die Klassenzimmer und erweitert sich an einer Stelle zu einem offenen Begegnungsraum. Die prägende Längsrichtung des Baukörpers offenbart sich nach Verlassen des fast unscheinbaren Eingangsbereichs an den Schmalseiten des Gebäudes. Die kreisrund durchstoßene niedrige Decke des Foyers gibt den Blick frei bis hoch unter das eigenwillige, nach innen geneigte V-förmige Dach, das der Längsachse folgt. Einläufige Treppen führen zu den oberen Klassenzimmern.
Das Besondere des Projekts: die mächtige, aus grob verfugtem Ziegelmauerwerk erstellte Fassade, die das gesamte Gebäude umfasst. Wo andernorts Architekten insbesondere bei Schulbauten durch Glaselemente Leichtigkeit und Transparenz als Zeichen zeitgenössischer Architektur verdeutlichen wollen, zeigt sich im Scharnhauser Park eine gänzlich andere Haltung: „Ein solider Mantel aus Ziegel umschließt die Räume, eine körperhafte Schwere legt sich selbstbewusst an ihren Ort und definiert die neue Stadtkante“, so die Architekten. Die Ziegelwände werden nur dort durch Fenster geöffnet, wo die Raumbelichtung dies erforderlich macht.
Für die zweischalig ausgebildeten, hinterlüfteten Ziegelwände des Schulgebäudes setzten die Architekten einen rustikalen Backstein ohne scharfe Kanten im hellrot bis hellbraun changierenden Farbspiel ein. Vorgabe beim Mauern und Fugen in einem Arbeitsgang war die Ausbildung sehr breiter Fugen. Der sandfarbene Mörtel wurde bewusst „laienhaft verstrichen“. Hierdurch entstand eine ungleichmäßig-raue, natürliche Oberfläche mit verblüffender extravaganter Wirkung. Im Kontrast dazu stehen schwarze Fenster sowie zinkgraue Gitter, Sheddächer und Sichtbetonelemente. Die lebendig anmutende Materialität des Ziegels in Sichtmauerqualität prägt auch den Charakter des Flurbereichs im Inneren der Schule. In den Klassenzimmern dominieren dagegen Holzoberflächen.
Die gegenüberliegende Schulsporthalle ist in die Topographie des vom Gleiskörper der Stadtbahn begrenzten Grundstücks eingebunden. Eine mächtige Backsteinmauer folgt dem Bogen der Trasse und bildet die östliche Grenze von Schulareal und Wohngebiet. Die fast halb eingegrabene Sporthalle erhält ihr Tageslicht durch teils quadratische Öffnungen in der Ostwand sowie über runde Türme aus Glasbausteinen auf dem begeh- und bespielbaren Hallendach. Zwischen Schulgebäude und Sporthalle liegt ein großzügiger Schulhof, der dem Gelände folgend als weite markante Landschaftstreppe ausgebildet ist. Blickfang des gesamten Komplexes sind die alles überragenden freistehenden, gemauerten Abluftkamine in Form einer liegenden Acht an der Flanke der Turnhalle. Sie erinnern an die Schornsteine einer Ziegelei und strahlen Kraft und Reiz des natürlichen Baumaterials Backstein aus. „Gerade an diesem Objekt“, so auch der Bundesverband der Deutschen Ziegelindustrie, „verdeutlicht der traditionelle Baustoff Ziegel, dass er nichts von dem eingebüßt hat, was er seit jeher vermittelt: Schönheit und Lebendigkeit der Fassade, Wärme, Geborgenheit und Schutz. Aber auch durch Qualität und Wirtschaftlichkeit überzeugen Vormauerziegel und Klinker im modernen Bauen.“ Fest steht jedenfalls, dass Schüler dieser Einrichtung noch in Jahrzehnten ein eindrucksvolles Bild ihrer Schule im Scharnhauser Park vor Augen haben werden....